Bremsscheibenwechsel- Radlager- geheimnisvolle Stauchhülse und der Trick mit der Passscheibe

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Haftungsausschluss


geschrieben von: blacky

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Datum: 22. März 2011 18:15

Hallo,

Durch Martin (Apolda) `s Bericht aufgeschreckt und der nahende HU- Termin haben mich veranlasst die Bremsen zu checken.

Da die Bremsscheibenstärke zwischen 13,5- 14 mm (neu 16 mm, Verschleißgrenze je nach Hersteller meist 14 - 14,5 mm) lag, entschloss ich mich zum Wechsel.

Die Scheiben hatten in 22 Jahren immerhin 300 Tkm zurückgelegt.

Die Radlager erscheinen dennoch gut in Schuss, Lagerspiel mit der Hand nicht feststellbar.

Die Gelenkwellenmanschetten wurden bereits gewechselt- deshalb sollten jetzt nur die Bremsscheiben gewechselt werden, ohne Demontage des Achsschenkels und ohne neue Stauchhülse.

Statt neuer Stauchhülse wird zur Stauchhülse zusätzlich eine Passscheibe eingebaut um das erforderliche zusammenpressen der Lager- Innenringe zu erreichen. (Neue Radlager,Dichtringe und Stauchhülse habe ich schon auf Lager)


Hier die Arbeiten in Kurzversion, da im WIKI ausführlich erläutert:

- Vorderrad hochbocken, Rad abnehmen, Bremssattel entfernen

(- jetzt könnte schon das Radlagerspiel geprüft werden)

- Schutzkappe mit großer Eckrohrzange (Eck-Schwede) min.1 ½”und Hebel abgehebelt ( ging ziemlich schwer runter)

- Verstemmung der Achsschenkelmutter etwas aufstemmen

- Mutter M 30x 1,5 (SW46 )mit stabiler Verlängerung (Lkw- Werkzeug) öffnen.

- Bremsscheibe mit Radmuttern an Radnabe sichern.

- Zwischen Achsschenkel und Bremsscheibe mit zwei kräftigen gegenüberliegenden Hebeln (Trenngabel, Montierhebel, Brechstange etc.) die Radnabe mit Bremsscheibe gefühlvoll abhebeln. Aufpassen dass das Ganze nicht zu Boden fällt.

http://archiv.mb100.de/images/4/40/Blacky_Bremsscheibenwechsel.JPG

Darauf achten dass die innen liegende Stauchhülse nicht heraus fällt.

Der Achsschenkel und die Gelenkwelle bleiben also an den Querlenkern eingebaut!

- Bremsscheibe von Radnabe lösen

- Radnabe vorsichtig reinigen damit kein Schmutz mit den Lagern und Dichtringen in Berührung kommt, Laufringe auf Verschleiß und Pitting püfen!

http://archiv.mb100.de/images/d/db/Blacky_Bremsscheibenwechsel_1.JPG


http://archiv.mb100.de/images/2/25/Blacky_Bremsscheibenwechsel_2.JPG


- Bei Bedarf äußeren Dichtring ersetzen- empfehlenswert!

- Alles sorgfältig reinigen, altes Lagerfett mit Papier oder sauberem Lappen abwischen und die Lagerstellen gut mit frischem Fett versorgen.

- Die Dichtringe bekommen einen leichten MoS- Fettfilm.

- Neue Bremsscheiben mit Radnabe und alter Stauchhülse auf Achsschenkel aufschieben.

Jetzt kommt der Trick mit der Passscheibe. Zusätzlich wird noch eine Passscheibe nach DIN 988 Di= 45/55mm von 0,2 mm Dicke draufgelegt. (ich habe 0,1mm Passscheibe verwendet, empfehle aber 0,2mm!)


http://archiv.mb100.de/images/c/c7/Blacky_Bremsscheibenwechsel_3.JPG


Radlager einstellen:

Diese Einheit wird nun wieder ins Achschenkelgehäuse gesteckt.

- Scheibe und Mutter SW46 draufschrauben und ohne erhöhtes Drehmoment (ca. 30-50Nm) anziehen. Lagerspiel mit Meßuhr überprüfen. Es sollte nun ca. 0,2 mm betragen. Nun Mutter mit 46er Nuss und langem Hebel in 1/8 Umdrehungsschritten anziehen, jetzt wird die Stauchhülse verformt. Dabei immer wieder das Spiel überprüfen. Radnabe dabei mit geeignetem Flacheisen gegenhalten bis das Radlagerspiel die geforderten 0,01- 0,03 mm beträgt.

geschrieben von: blacky

Datum: 31. Mai 2013 22:05

In den Werksunterlagen stehts so:

"Pkt.30 Mutter M 30x 1,5 zuerst mit 250Nm anziehen (Voranzug). Axialspiel messen."

Damit soll wohl zum Ausdruck gebracht werden, dass die losen Teile erst mal auf Block angezogen werden sollen.

weiter gehts:

"Pkt.31 Mutter stufenweise anziehen, bis das Axialspiel 0,01 bis 0,03mm beträgt."

somit liegt das erforderliche Drehmoment zur Spieleinstellung deutlich über den 250Nm was ich auch so bestätigen kann.

damit sind wir auch beim gut 1m langen Hebel (in meinem Fall)

Grüße

Blacky


http://archiv.mb100.de/images/c/c1/Blacky_Bremsscheibenwechsel_4.JPG

- Mutter durch Verstemmen sichern, die neue Verstemmung liegt ca. 48° neben der ursprünglichen Verstemmung! Im Zweifel immer neue Mutter verwenden.

Der Trick mit der Paßscheibe kann meiner Meinung nach mindestens 2 mal angewendet werden ohne dass die Funktion der Stauchhülse beeinträchtigt würde.

Auch wenn nur die Gelenkwelle oder Dichtringe erneuert werden, oder das Radlagerspiel beim Einstellen unterschritten wurde, muss somit nicht gleich eine neue Stauchhülse verwendet werden.(Stauchhülse kostet ca.€ 8,-)

Noch ein paar Details:

Lagerspiel: (Zitat aus Werkstatthandbuch)

“Um das Axialspiel zu messen, Bremsscheibe an zwei gegenüberliegenden Punkten anfassen und mit gleicher Kraft in axialer Richtung bewegen, dabei Messuhr ablesen.

Wichtig: Darauf achten dass die Bremsscheibe beim Bewegen nicht gekippt wird!

Achsschenkelmutter stufenweise anziehen “

Axialspiel soll 0,01-0,03 mm (v. Hand praktisch nicht spürbar!)

0,01 mm entspricht exakt einem Drehwinkel der Einstellmutter von genau 2,4° !!!)

0,1 mm entspricht 24°, 0,2 mm entspr. 48° )


Passscheibe DIN 988 Di= 45/55mm von 0,1 mm oder 0,2 mm Dicke

Erhältlich als Normteil im Schraubenhandel oder Industriebedarf für ca. 10-50 Cent.


Kosten f. Bremsscheiben € 90.- , Bremsbeläge € 70.- ( Marke NK, angeblich Skandinavischer Hersteller ???) - noch keine Erfahrung


Fazit:

Das Radlager ist eigentlich für die Ewigkeit bestimmt, jedoch nur wenn keine Feuchtigkeit oder Schmutz ins Lager eindringen können und das Lagerspiel richtig eingestellt wurde!

Was mir bei der Demontage auffiel:

- Die Achsschenkelmutter ließ sich relativ leicht lösen! (Nennenswertes Drehmoment nur zum Überwinden der Restverstemmung)

- Unter der Scheibe der Achsschenkelmutter war ein schwarzer Abriebfettfilm

- Schwarzer Abrieb auch an den Stirnseiten der Stauchhülse.

- Der Getriebeseitige innere Radlagersitz zeigte deutliche Reibspuren die durch Wandern des Lagerinnenring verursacht wurde.


Folgerung: es fanden geringe Relativbewegungen zwischen der Gelenkwellen-verzahnung und Radnabe statt- und die Verspannung der Lagerinnenringe durch die Stauchhülse hatte sich verringert !

Zudem führt die Spielpassung des Lagers 2 zu Wandern des Lagerinnenrings.


Zum besseren Verständnis hier noch ein paar tiefer gehende Überlegungen zu dieser Lagerung (etwas Theorie):

Bei dieser Radlagerung handelt es sich um eine angestellte Lagerung von zwei Kegelrollenlagern in sog. O- Anordnung. Alle Lagersitze sind aufgepresst bis auf den Schiebesitz des Innenrings v. Lager 2 (s. Skizze), da dieser der anzustellende Lagerring ist.

Die umlaufende Radachse hat Punktlast am Lageraußenring (feststehend) und Umfangslast am Innenring (rotiert). Umfangslast am Innenring bewirkt ein wandern des Innenrings wenn dieser nicht festsitzt! Dieses Problem soll durch die Verspannung der Lagerinnenringe durch die Stauchhülse verhindert werden. Löst sich die Verspannung aus welchem Grund auch immer, bewirkt dies das Wandern des Innenrings was zu Abnutzung des Lagersitzes führen kann.

Die Stauchhülse muss von hoher Qualität sein um den Anforderungen zu genügen.


http://archiv.mb100.de/images/1/17/Blacky_Bremsscheibenwechsel_5.jpg

Wie verhält sich diese Lagerung bei starker Erwärmung der Radnabe durch Bremsen?

Die Wärme der Bremsscheibe führt zur Erwärmung der Radnabe (Achse) und zu deren Ausdehnung besonders in Achsrichtung. Dies führt zu einer Vergrößerung des Lagerspiels, da das Achsschenkel- Gehäuse nicht so sehr erwärmt wird.

Im Vergleich zu einer ähnlichen Radlagerung am Mercedes G-Modell ist mir aufgefallen dass dort keine Stauchhülse verwendet wird! Wahrscheinlich sind dort die Lagerdurchmesser kleiner; dennoch müsste auch hier das Problem des wandernden getr.- seitigen Innenrings bestehen! Es scheint also prinzipiell auch ohne Stauchhülse zu funktionieren!!


http://archiv.mb100.de/images/0/06/Vorderradachse_G-Modell_schnitt.jpg

Hier der Link zu Hans Hehl`s interessanter Seite [[1]www.hanshehl.de]

Zu kleines Lagerspiel, d. h. Lager wird mit Vorspannung montiert, führt zu:

- Erwärmung des Lagers

- stärkerer Belastung des Lagers

- Verkürzung der Lebensdauer und muss in jedem Fall vermieden werden!

Ungenügende Lagerabdichtung, ist besonders getriebeseitig (Gelenkwelle)gefährlich:

- Eintritt von Feuchtigkeit und Staub

- Lager läuft bald trocken

- Lager verschleißt innerhalb kurzer Zeit, eventuell blockieren des Rades ( wurde hier ja schon mehrfach beschrieben) Nie der Radnabe mit dem Hochdruckreiniger zu Leibe rücken!

Dieser Beitrag ist etwas länger als üblich geworden, es ist ja auch ein kniffliges Thema und ich hoffe dass ich keinen Mist verzapft habe; oder habe ich etwas wichtiges übersehen?

Mal sehen ob alles so funktioniert wie ich es erwarte.

In ein paar Monaten werde ich jedenfalls mehr wissen.

Grüße

Blacky






geheimnisvolle Stauchhülse hat ihren Preis

geschrieben von: blacky

Datum: 26. März 2011 09:14

Hallo,

hab gerade den aktuellen Preis für eine original Stauchhülse/ Abstandsrohr nachgefragt, € 20 / Stück! A631 334 02 53.

Im Rep.-Satz mit Dichtungen vielleicht etwas günstiger.

Ob die billigen Stauchhülsen zuverlässig funktionieren??

Macht die Paßscheibe noch attraktiver.

Grüße

Blacky




geschrieben von: blacky

Datum: 23. März 2011 19:09

Hallo,

in allen Fällen bei denen eine neue Stauchhülse verwendet werden sollte kann man die Passcheibe verwenden.

z. B.

- Radlagerspiel versehentlich zu eng eingestellt

- Gelenkwelle ausbauen bzw. wechseln

- Bremsscheibe ersetzen

- Dichtringe inspizieren od. ersetzen

- Radlager wechseln


Die Stauchhülse bekomme ich nicht so leicht wie eine Paßscheibe.

Es ist absehbar daß ich auch an die Gelenkwelle und den getriebeseitigen Dichtring gehe und so muß ich nicht jedesmal die Stauchhülse ersetzen. Dann sind schon insgesamt € 36 gespart.


Ich wechsle eben lieber nur die Dichtringe als die kompletten Lager.

Außerdem war mir die Aufgabe der Stauchhülse nicht klar, deshalb hab ich mich etwas darüber ausgelassen.

Mit dem Lagerspiel hat die Stauchhülse nämlich überhaupt nichts zu tun!

Ich denke sogar daß auch ohne Stauchhülse das Radlager einwandfrei funktioniert bis nach längerer Zeit eben der Lagersitz eventuell eingelaufen ist.(Was er ja auch mit Stauchhülse tut)


Manchmal denke ich daß der Kutter vielleicht deshalb einen zweifelhaften Ruf hat, weil an einigen Stellen etwas ungewöhnliche Konstruktionen (Radlager, Querlenker..)verwendet wurden die nicht allgemein bekannt sind und somit falsch gewartet werden.


Grüße

Blacky














--Daktari 21:28, 6. Apr 2011 (CEST)